Bilddefinition des Künstlers:
Das Bild ist nicht nur die Abbildung von etwas, sondern das Ereignis selbst.
Das Ereignis, das sich vom Profanen abhebt, ist die Verdichtung der Zeit.
Die Trennung zwischen dem produzierenden Künstler und dem konsumierenden
Publikum wird im gemeinsam erlebten Ereignis aufgehoben, wenn es dem Künstler
gelingt, seine Visionen in der Performance mit dem Publikums unmittelbar zum
Ausdruck zu bringen. Das Publikum löst sich auf in einem lebendigen Bild
bestehend aus Raum und Zeit. Das Wesen eines Kunstwerkes wird mit Menschen
direkt erlebt.
Der Konflikt mit Institutionen und Konventionen, das politische Ereignis steht
dabei sehr stark im Vordergrund. Der menschliche Ausdruck der Performance-Kunst
tritt mit seiner bildlichen Sprache als Möglichkeit einer Entschärfung
der politischen Sprache, die oft ihren Ausdruck in Gewalttätigkeiten findet
ein. Aggressive Projektion politischer Ideologien. Der Künstler bedient
sich der Bildsprache eines kollektiven Ausdrucks um so neue Rahmen für
große Auseinandersetzungen zu finden. Handls Performances bilden das Äquivalent
zur Verweigerung der Malerei. Die Bevorzugung des nicht Gegenständlichen
ist in eine künstlerische Konstruktion der Wirklichkeit eingeflossen.
Politisch gesehen hat derjenige eine starke Macht, den man nicht mehr verletzen
kann, indem man ihm etwas nimmt.
Inspiriert durch Marcel Duchamp und die Fragestellung: "Was ist ein Bild"
integriert Ernst Handl Performance und Theater in seine Kunstwerke, um Bildwirklichkeiten
in neuer Stofflichkeit darzustellen. Durch die Reduzierung traditioneller künstlerischer
Mittel vergrößert Handl die bildliche Ausdruckkraft der Performance
in konzentrischen Kreisen. Dies bewirkt eine schrittweise Erweiterung menschlichen
Potentials - qualitativ so wie quantitativ.
Auswahl von Performances1. Stoffobjekte 1981-1982
Der Künstler schneidet persönliche Kleidungsstücke auf, um sie
als Leinwand/ Malgrund zu benutzen.
Daraus entstehen mehrere Objekte:
ˇ "Freiheit" Aus einem aufgeschlitzten Hosenbein, das noch in seiner
Dreidimensionalität belassen ist, scheint ein Pferd aus dem Knie auszubrechen.
Das andere Bein ist bereits aufgetrennt und gespannt wie eine Leinwand.
ˇ "Altar des Künstlers" Ein aufgetrennter Anzug wird in Form
eines Altarbildes auf eine Staffelei gespannt.
ˇ "Aufbruch" In einen Keilrahmen ist ein Anzug so montiert, dass die
eine Hälfte dreidimensional aus dem Bild ragt, während die andere
Hälfte sich bereits in eine Malleinwand verwandelt hat.2. Leben und Arbeiten
im Kunst- und Kultur Centrum Kreuzberg "KuKuCK"
Im Rahmen des Lebens und Arbeitens im Kunst- und Kultur Centrum Kreuzberg "KuKuCK"
initiiert Ernst Handl 1984 die erste Performance mit Kleidungsstücken.
50-60 junge Künstler knoten ihre weißen Hemden an den Ärmeln
zusammen und legen sie über die stark befahrene Straße vor dem Kultur
Centrum. Die Autofahrer, abgelenkt durch Demonstrationsschilder mit der Aufschrift:
"Vorsicht Kunst," fahren über mit roter Farbe präparierte
Teppiche und hinterlassen ihre Eindrücke auf den Hemden. Ein erstes Performance-
Ereignis mit Kleidungsstücken hinterlässt Spuren.3. "SO 36"-
Veranstaltungsort und Ausdruck künstlerischer Lebenseinstellung der 80er
Jahre
Dem Künstler geht es um das Sprengen der Grenzen klassischer Formen. Fundstücke,
- Die Schaffung von Kulturräumen, Eröffnung von Spielflächen
für vitale, ungeschliffene künstlerische Ausdrucksformen geschahen
in Handls Projekt "Leben und Arbeiten im besetzten Haus."
Der Künstler leistete die Entwicklung des Konzeptes für eine multifunktionale
Begegnungsfläche zwischen unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen.
Das Bild als Ziel der Kunst ist die Asche des Feuers, das Handl Bildereignis
nennt.
Ernst Handl bezeichnet sich als einen Bricoleur, einen Bastler, dem Gegensatz
zu einem Ingenieur, welcher planmäßig eine neue Maschine baut.
Mit Fundstücken, vom Leben veränderten Details, vorgefertigten Versatzstücken
der Zeit, versucht Handl unserer Zeit einen neuen, symbolsprachlichen Ausdruck
zu verleihen.
Dabei erhalten Abfallprodukte der Gesellschaft eine ästhetische Aufwertung.
Sie sind Zeugen radikaler geistiger wie materieller Veränderungen. Das
Leben in unserer modernen Welt ist also nicht geist- und sinnentleert, sondern
findet in Handls Symbolsprache einen eigenwilligen unserem Zeitgeist entsprechenden
Ausdruck. Der aktuelle Kunstdiskurs war schon immer eine Schachpartie. Jeder
Schritt ist ein gewagter Vorstoß und markiert die Ausgangsposition für
zukünftige Schritte.
4. Das Arbeiten mit Kindern:
Zusammen mit der Gruppe "Story Dealer" in Berlin hat Ernst Handl von
1988-1992 phantastische Ferienreisen mit Kindern unternommen. Diese Reisen entführten
die Kinder in Welten, die Ihnen die Möglichkeit gaben, sich in andere Wirklichkeiten
zu versetzen. So lautete z. B. eines der Projekte: "Wir retten den Frühling."
In Anlehnung an Hopi-Rituale konnten die Kinder mit Leib und Seele Abenteuer
im Wald und gleichzeitig eine symbolische Initiation in die Performance konstruktiver
Kooperation erfahren.
5. Das Arbeiten mit dem "Kind im Erwachsenen":
Eigentlich sind bildende Künstler gewohnt alleine zu arbeiten. Handl: "Die
Zusammenarbeit mit Kindern hat mich gelehrt mit Erwachsenen zusammenzuarbeiten."
Dabei ging es ihm in erster Linie um die gemeinsame Entdeckung und Förderung
des "Kindes im Erwachsenen". In der Auslebung ihrer unbefangenen Naivität
haben Menschen noch einen intuitiven Zugang zu unterschiedlichsten Dimensionen
und Möglichkeiten, die ihnen sonst fremd und beängstigend erscheinen.
Diese Öffnung ermöglicht eine Überschreitung alter, begrenzender
Konventionen in sozialen Beziehungen. Der Mut zum unkalkulierbaren Risiko findet
bei Handls Kunst seinen Ausdruck z. B. in der gelungenen Umsetzung von künstlerischen
Intuitionen in eine internationale Performance. Ein Netzwerk aus Künstlern,
Managern, Journalisten, Stars und unzähligen ganz normalen Lebenskünstlern
des Alltages wurde im jüngsten Projekt Ernst Handls mit der Frage konfrontiert:
Wie lässt sich eine lähmend - passive Wartesituation in eine schöpferisch
aktive verwandeln?
Kurzprotokoll
Ernst Handls Projekt des "High -Risk -Club", bestehend aus siebzehn
von ihm initiierten internationalen Snake Charmers -Schlangenbeschwörern
- aus dem Nachwuchsmanagement entwickelte sich aus vielen Denkansätzen
und Performances vorangegangener Aktionen.
Die Problemstellung: Wie geht man mit riesigen Menschenschlangen, die bei Aktionen
und Ausstellungen entstehen, um?
Konkreter Fall: Das Auftreten tausendköpfiger Menschenschlagen auf dem
Gelände der Expo 2000.
Wartende Menschenmassen sind, wie Elias Canetti schon sagt, ein gefährliches
Material. In ihrer Form sind sie scheinbar zur Passivität gezwungen, da
sie jedoch a priori nicht stillstehen können, sondern mit einer starken
Energie geladen sind, repräsentieren sie eine Substanz mit explosiven Charakter.
Diese latent vorhandene Energie in einen schöpferischen Akt zu verwandeln,
bezeichnet Ernst Handl als seine bisher größte Herausforderung.
Einer anonymen, wartenden Zufallsgemeinschaft eine gemeinsame Identität,
einen Sinn zu geben, bedeutet eine Aufwertung von profanen Alltagssituationen
und somit deren Verwandlung.
Als Parameter dieser kollektiven Arbeit, ist nicht die materielle Qualität
des Produktes "Kunstschlange" zu sehen - diese bildet bloß die
Hülle des Ereignisses sondern das eigentliche Kunstwerk ist der
gesamte gemeinsame, zeitlich unbegrenzte Performance-Akt.
Die symbolische Transformation der Menschenschlange
Das größte Problem kontemporärer Kunst ist ihre Unverständlichkeit.
Die Kunst hat sich vom normalen Verständnis so weit entfernt, dass die
meisten Menschen hilflos davorstehen und keinen Sinn mehr erkennen können,
ein Umstand, der sehr viel Ablehnung erzeugt. Das menschliche Potenzial der
Kunst wird zur abstrakten Interpretation des künstlerischen Stils an die
Spezialisten der Kunst - die Kunstkritiker delegiert - der Einzelne nimmt keine
Beziehung mehr zu ihr auf, setzt sich mit eigenen Interpretationen nicht auseinander.
Genau hier setzt Ernst Handl mit seiner Idee vom kollektiven Kunstwerk an. Dies
beginnt mit einer Einladung an das Publikum, sich an dem künstlerischen
Prozess zu beteiligen. Verstrick dich ins Kunstmachen! Be part of art.
Aus einem simplen 30 Meter langen Stück Jute entsteht ein schillerndes
Netzkunstwerk. Nach Art einer gekonnten Schlangenbeschwörung werden wartende
Menschen aktiver Bestandteil einer kunstvollen Performance, indem sie ihre gespendete
zweite Haut (Kleidungsstücke) eigenhändig in das Kunstwerk einnähen.
Die Absicht, das gemeinsame Kunstwerk in einer renommierten New Yorker Kunststätte
auszustellen, war einer der wichtigsten Motivationspunkte für die Beteiligten.
Die Erfüllung dieses Versprechens ist die Konsequenz einer langfristigen
Planung. Eine kunstvolle Vision, die in ihrer Realisierung ein Klima produziert,
welches einer zeitlosen Idee ein zeitgemäßes, in den Möglichkeiten
unbegrenztes Wachstum gewährt.
Die künstlerischen Möglichkeiten und der avantgardistische Erfahrungshorizont
des Wahlberliners spiegeln sich besonders in der Tatsache wider, dass er dieses
Kunstwerk realisiert hat, ohne selbst Hand anzulegen.
Eine fast schon als telekinetisch zu bezeichnende Leistung. Der Künstler
dazu: "Meine Aufgabe war es, Aufgaben zu stellen. Die Kunstabsicht so zu
formulieren und zu verpacken, dass andere sie selbstverständlich als ihre
auffassen. Ich habe ihnen mein Baby übergeben. Sie haben es verantwortungsvoll
aufgezogen und genährt und übergeben es jetzt noch einmal der Öffentlichkeit.
Dieses Kunstwerk ist noch nicht zu Ende gedacht und lässt sich vielfältig
lesen und beleben. Auf dem Weg in tiefere Bewusstseinsdimensionen werden immer
größere Kreise an der Oberfläche in Bewegung gesetzt. Im Moment
würde ich die Schlange als Mutmacher sehen, sein letztes Hemd für
die Kunst zu geben."